„Das europäische Eishockey passt perfekt zu meinem Spiel“

Brayden Tracey von den Blue Devils Weiden beim Warmup

Brayden Tracey über seinen Weg von Kanada über die NHL nach Europa – und warum Weiden für ihn der richtige nächste Schritt ist.

Am Tag des öffentlichen Trainings für die Saisonkarteninhaber hatte ich die Gelegenheit, ausführlich mit Brayden Tracey zu sprechen. Das Interview entstand ursprünglich für meinen Artikel im DEL2-Sonderheft der Eishockey NEWS. Dort fanden naturgemäß nur einige Auszüge Platz. Dabei ging es im Gespräch um deutlich mehr: seine ersten Eindrücke von Weiden, seine deutschen Wurzeln, den NHL-Draft, sein Debüt an der Seite von Ryan Getzlaf und seinen bisherigen Weg durch Nordamerika und Europa. Deshalb gibt es das komplette Gespräch hier noch einmal im Wortlaut.

Brayden, willkommen in Weiden! Was sind deine ersten Eindrücke von der Stadt, der Halle und dem Umfeld?

Brayden Tracey: „Ich finde es super. Das sind meine ersten beiden Tage in der Halle, und man merkt jetzt schon, wie leidenschaftlich die Fans hier sind. Das ist fantastisch und etwas, worauf man sich vor jedem Spiel freut. Die Fans bringen viel Energie mit, das gefällt mir sehr. Auch die Stadt macht einen tollen Eindruck. Meine Freundin und ich waren schon ein paar Mal essen, und bislang war wirklich alles sehr schön. Die Menschen sind unglaublich nett und gastfreundlich. Mein erster Eindruck von Weiden ist deshalb durchweg positiv.“

Wie lief dein Sommertraining? Warst du schon viel auf dem Eis?

Tracey: „Ja, ich habe im Sommer eigentlich von Montag bis Freitag jeden Tag trainiert und war auch regelmäßig auf dem Eis. Mein Ziel war es, etwas an Gewicht zuzulegen und stärker zu werden – so wie eigentlich in jedem Sommer. Ich fühle mich sehr gut für den Saisonstart und bin gesund, das ist das Wichtigste. Insgesamt lief der Sommer wirklich gut. Ich bin viel Schlittschuh gelaufen und fühle mich körperlich sehr wohl.“

Wie kam die Möglichkeit zustande, nach Weiden zu wechseln, und was hat dich letztlich davon überzeugt, den Schritt in die DEL2 zu wagen?

Tracey: „Meine Familie hat deutsche Wurzeln. Meine Mutter kommt aus Deutschland und ihre gesamte Familie lebt hier, genauer gesagt in Nürnberg. Das ist von Weiden aus natürlich ziemlich nah. Ich fand den Gedanken spannend, einige Verwandte kennenzulernen, die ich bislang noch nie getroffen habe. Gleichzeitig ist Weiden für mich sportlich eine großartige Möglichkeit. Wir haben eine gute Mannschaft und ein neues Trainerteam, das einen sehr positiven und herzlichen Eindruck macht. Insgesamt hat es einfach sehr gut gepasst. Wir haben viele gute Spieler und charakterlich starke Jungs im Team. Ich glaube, dass ich gut in die Organisation passe und dass auch der Spielstil gut zu meinem Spiel passt.“

Im Internet war auch zu lesen, dass Trainer Dave Matsos bei deiner Entscheidung eine Rolle gespielt hat. Stimmt das?

Tracey: „Ja, definitiv. Wenn du einen Trainer hast, der eine so beeindruckende Vita mitbringt, kann er dich eigentlich nur besser machen. Das hat mir die Entscheidung für den Wechsel auf jeden Fall erleichtert. Ich glaube, dass er in dieser Saison eine wichtige Rolle für meine Entwicklung spielen wird. Natürlich muss ich meine Leistung selbst auf dem Eis bringen, aber ich denke, dass er mir helfen kann, sowohl als Spieler als auch als Mensch besser zu werden. Er wird mich antreiben, mein Bestes zu geben. Dafür bin ich sehr dankbar und freue mich darauf, endlich richtig loszulegen.“

Hast du vor deiner Entscheidung mit Spielern gesprochen, die bereits in Deutschland oder in der DEL2 gespielt haben?

Tracey: „Ja. Ich habe ein paar Freunde, die in der vergangenen Saison in der DEL2 gespielt haben, und sie hatten ausschließlich Positives über die Liga zu berichten. Schon vor meiner Unterschrift habe ich außerdem mit einigen Spielern aus dem Team gesprochen. Niemand hatte auch nur ein schlechtes Wort über die Organisation, die Liga oder die Stadt zu sagen. Dadurch hat sich das Gesamtbild einfach bestätigt.“

Lass uns über deine Anfänge sprechen. Wie bist du überhaupt zum Eishockey gekommen? Ich habe gelesen, dass du anfangs gar kein großer Fan davon warst.

Tracey: „Das stimmt. Am Anfang war ich überhaupt kein Fan. Mein Vater hat in seiner Jugend selbst Eishockey gespielt, zwar nicht professionell, aber bis in den Juniorenbereich. Ich glaube, er wollte unbedingt, dass ich ebenfalls Eishockeyspieler werde. Ich kann mich selbst nicht mehr daran erinnern, weil ich noch sehr klein war, aber er erzählt immer, dass ich zwischen meinem zweiten und fünften Lebensjahr nur geschrien und geweint habe, sobald es aufs Eis gehen sollte. In Kanada beginnt man normalerweise schon mit vier oder fünf Jahren bei den sogenannten ‚Timbits‘. Ich wollte damals aber überhaupt nicht spielen. Mein Start im Eishockey war deshalb zwei oder drei Jahre später als bei vielen anderen Kindern in Kanada. Aber in meinem ersten richtigen Jahr habe ich mich dann sofort in den Sport verliebt.“

Ab welchem Zeitpunkt wurde dir klar, dass du das Zeug dazu haben könntest, Profi zu werden?

Tracey: „Ich denke, in meinem ersten Juniorenjahr. Damals habe ich einen großen Sprung gemacht und offensiv sehr gut gepunktet. Meine Trainer und mein Agent begannen dann ungefähr im November 2018 erstmals ernsthaft über den NHL-Draft zu sprechen. Da wurde mir bewusst, dass Eishockey tatsächlich mein Beruf werden könnte. Von diesem Moment an habe ich noch einmal eine Schippe draufgelegt. Und inzwischen gehe ich bereits in mein achtes Profijahr. Es war also definitiv die richtige Entscheidung.“

Wer hatte in deinen ersten Jahren im Eishockey den größten Einfluss auf dich?

Tracey: „Wahrscheinlich mein erster Juniorentrainer Tim Hunter. Er war mein Lieblingstrainer bislang – wobei ich das vielleicht nicht zu laut sagen sollte. Aber er war wirklich großartig. Er hat mich unter seine Fittiche genommen. Tim hat mehr als 2.000 NHL-Spiele absolviert, war Assistenzkapitän der Calgary Flames und hat mit ihnen den Stanley Cup gewonnen. Die Flames sind mein Lieblingsteam, weil ich in Calgary aufgewachsen bin und sie mein Heimatteam sind. Dadurch war er für mich ohnehin schon eine Art Vorbild. Alles, was er in diesem Jahr für mich getan hat, hat mich geprägt – sowohl in meiner Art zu spielen und um den Puck zu kämpfen als auch als Mensch außerhalb der Eishalle. Er war ein wichtiger Mentor für mich und dafür bin ich ihm extrem dankbar.“

Ich habe mir deinen NHL-Draft noch einmal angesehen. Woran erinnerst du dich von diesem Tag am meisten?

Tracey: „Ehrlich gesagt an fast nichts. Das ging alles unglaublich schnell vorbei.“

Wusstest du vorher, dass du gedraftet werden würdest, oder hast du einfach darauf gehofft?

Tracey: „Ich wusste schon, dass ich wahrscheinlich gedraftet werde. Vor der Saison war ich allerdings überhaupt nicht gerankt und niemand hatte mich wirklich auf dem Zettel. Um Weihnachten herum tauchten dann plötzlich Berichte im Internet auf, in denen ich ungefähr auf Platz 180 geführt wurde. Über Weihnachten war ich bei meiner Familie und nach meiner Rückkehr hatte ich eine extrem starke zweite Saisonhälfte. Mein Ranking kletterte dann, glaube ich, bis auf Platz 21 unter den nordamerikanischen Spielern. Ab diesem Zeitpunkt hat es bei mir richtig Klick gemacht. Und heute stehen wir eben hier.“

Dein NHL-Debüt hast du 2022 gegen Detroit gegeben. Was ist dir davon besonders in Erinnerung geblieben?

Tracey: „Das war ein unglaublich cooles Erlebnis. Gleich bei meinem ersten Wechsel stand ich zusammen mit Ryan Getzlaf auf dem Eis. Er ist eine absolute Legende und jemand, zu dem unglaublich viele junge Spieler aufgeschaut haben. Ich weiß noch genau, wie ich an der blauen Linie stand, zu ihm rübergeschaut habe und dachte: Was passiert hier gerade? Es gibt eigentlich keine Worte dafür, wie sich dieser Moment angefühlt hat. Ich bin extrem dankbar, dass ich überhaupt in der NHL und generell als Profi spielen durfte. Aber dieses erste Spiel war noch einmal etwas ganz Besonderes.“

Der dauerhafte Durchbruch in der NHL ist bislang ausgeblieben. Wie blickst du heute auf deine Zeit in Nordamerika zurück?

Tracey: „Jedes Jahr kommen über den Draft fünf bis sieben neue Spieler in eine Organisation. Als ich neu dazukam, war ich zunächst weit oben in der Hierarchie und habe viel Eiszeit bekommen. Ich war vier Jahre lang in San Diego. Im Nachhinein hätte ich manche Dinge vielleicht anders angehen können, aber ich bin sehr dankbar für die Zeit in der Organisation. Ich habe kein schlechtes Wort über die Anaheim Ducks oder die San Diego Gulls zu verlieren. Punktetechnisch bewegte ich mich über die Jahre auf einem ähnlichen Niveau. Irgendwann wollte ich einfach den nächsten Schritt machen und mehr Einsatzzeit bekommen. Deshalb habe ich mich für Europa entschieden. Mein erstes Jahr war in Finnland und ich habe das europäische Eishockey vom ersten Tag an geliebt. Ich finde, dass es sehr gut zu meinem Spielstil passt. Als offensiv ausgerichteter Spieler, der gerne Tore schießt und seiner Mannschaft im Angriffsdrittel helfen möchte, gibt mir das europäische Spiel viele Möglichkeiten. In der vergangenen Saison war ich dann in Schweden, wo die Liga etwas defensiver geprägt ist. Das kann phasenweise frustrierend sein, wenn du nicht regelmäßig triffst oder offensiv nicht die Wirkung hast, die du von dir selbst erwartest. Deshalb hoffe ich, dass ich in dieser Saison wieder offensiv produzieren und dem Team bestmöglich helfen kann.“

Wo lagen für dich die größten Unterschiede zwischen den Ligen, in denen du bislang in Europa gespielt hast?

Tracey: „Finnland und Schweden waren sich relativ ähnlich. Beide Ligen sind sehr defensiv orientiert und extrem strukturiert. Es gibt vergleichsweise wenige Konter und viele Eins-gegen-Eins-, Zwei-gegen-Zwei- oder Drei-gegen-Drei-Situationen. Während meiner ersten Saison in Europa bin ich dann nach Bratislava gewechselt. Dort war das Spiel deutlich offensiver geprägt. Es gab viel mehr Konter, Zwei-gegen-Eins- und Drei-gegen-Zwei-Situationen. Das kam meinem Spiel sehr entgegen. Ich hatte dort eine gute Zeit bis in die Playoffs, auch wenn wir leider schon in der ersten Runde ausgeschieden sind. Finnland und Schweden ähneln sich also sehr, während das Spiel in Bratislava etwas offener war – natürlich ebenfalls strukturiert, aber nicht ganz so extrem wie in Skandinavien. Jetzt freue ich mich darauf, hier in Weiden anzukommen und das System unseres neuen Trainers zu lernen. Es gibt viele neue Gesichter im Team. Wenn wir alle an einem Strang ziehen und das System verinnerlichen, haben wir eine große Chance.“

Sportlicher Leiter Stephan Seeger jr. hat dich als hochbegabten Stürmer mit außergewöhnlichem Spielverständnis, starkem Stickhandling und hervorragender Übersicht beschrieben. Wie würdest du dich selbst als Spielertyp charakterisieren?

Tracey: „Ich bin auf jeden Fall ein sehr offensiv denkender Spieler. Ich würde von mir behaupten, dass ich das Spiel sehr gut lesen kann und auf dem Eis sowohl offensiv als auch defensiv gute Entscheidungen treffe. Im Grunde bin ich ein technisch versierter Stürmer, der scoren und seiner Mannschaft zum Sieg verhelfen will.“

Du hast vorhin deine Mutter erwähnt, die aus Nürnberg stammt. Welche Rolle haben die deutsche Kultur oder die deutsche Sprache bei euch zu Hause gespielt, als du aufgewachsen bist?

Tracey: „Als ich noch sehr klein war, vielleicht ein bisschen. Meine Mutter ist damals gemeinsam mit ihrer Mutter, also meiner Oma, nach Kanada gezogen. Beide konnten zunächst überhaupt kein Englisch und haben nur Deutsch gesprochen. Als ich dann geboren wurde, hat sich das aber zunehmend verändert. Ich habe zwei ältere Schwestern, die ebenfalls kein Deutsch sprechen. Dadurch hat sich bei uns zu Hause alles immer stärker aufs Englische verlagert. Mein Vater ist Kanadier, deshalb war meine Mutter sprachlich zu Hause ein bisschen auf sich allein gestellt. Sie spricht aber wirklich sehr gutes Deutsch. Sie behauptet zwar immer, dass sie es nicht fließend könne, aber das stimmt eigentlich nicht. Sie versteht alles und kann sich problemlos unterhalten. Ich versuche derzeit selbst, Deutsch zu lernen, und meine Freundin macht ebenfalls mit. Es ist wirklich nicht einfach, aber wir machen Fortschritte.“.

Gibt es etwas, das du während deiner Zeit in Deutschland unbedingt erleben oder ausprobieren möchtest?

Tracey: „So weit habe ich ehrlich gesagt noch gar nicht gedacht. Ich freue mich darauf, mich hier durch die Küche zu probieren und die Kultur besser kennenzulernen. Bislang ist alles wirklich klasse. Schon wenn man hier in einen Supermarkt geht, sieht man Dinge, die es in Kanada überhaupt nicht gibt. Dann muss man einfach zugreifen und sie ausprobieren.“

Wie verbringst du normalerweise deine freien Tage, wenn einmal kein Eishockey auf dem Programm steht?

Tracey: „Meine Freundin und ich haben einen Hund, einen Schäfer-Berner-Sennenhund-Mix. Mit ihm verbringen wir sehr viel Zeit. Der Schäferhund in ihm möchte am liebsten den ganzen Tag rennen, während der Berner Sennenhund einfach nur faul auf dem Boden liegen will. Ein großer Teil unserer Freizeit dreht sich deshalb um ihn. Ansonsten gehen meine Freundin und ich gerne gut essen, laufen durch die Stadt und erkunden neue Orte. Wir werden sicherlich auch öfter nach Nürnberg fahren und uns dort umsehen. An freien Tagen versuche ich aber vor allem, mich zu erholen, längere Runden mit dem Hund zu drehen und einfach dafür zu sorgen, dass zu Hause alle glücklich sind.“

Hast du ein besonderes Talent oder ein Hobby, mit dem deine neuen Teamkollegen wahrscheinlich nicht rechnen würden?

Tracey: „Ich bin ziemlich süchtig nach Wortsuchrätseln. Ich glaube nicht, dass besonders viele Leute so etwas gerne machen. Manchmal sind sie ziemlich einfach, manchmal aber auch wirklich knifflig und frustrierend. Für mich ist das eine gute Möglichkeit, den Kopf vom Eishockey und vom Alltag freizubekommen. Einfach einmal das Handy wegzulegen und nicht auf Social Media unterwegs zu sein, tut mir sehr gut. Ein Buch lesen, sich hinsetzen und ein Rätsel lösen – irgendetwas, mit dem man gedanklich komplett vom Sport abschalten kann.

Vielen Dank für das Gespräch!

Tracey: „Sehr gerne, danke dir!“

Foto: Christian Kaminsky

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