Tyler Gron über seine Rückkehr in die DEL2 – und warum ihn die Liebe zum Spiel noch immer antreibt
Die Blue Devils Weiden haben kürzlich einen weiteren Routinier verpflichtet. Nach Mario Scalzo wechselt mit dem 36-jährigen Tyler Gron der drittbeste Torschütze der Oberliga mit deutschem Pass in die nördliche Oberpfalz.
Tyler, warum hast du dich für einen Wechsel nach Weiden entschieden?
Tyler Gron: „Meine Entscheidung, in Weiden zu spielen, war ehrlich gesagt schnell und einfach. Wenn ein Team wie Weiden bereit ist, mir eine Chance zu geben, dann sage ich Ja. Für mich ist das eine große Möglichkeit und zugleich eine neue Chance. Ich denke, jeder Eishockeyspieler würde so eine Gelegenheit ergreifen, um sich noch einmal einer Herausforderung zu stellen – egal ob er 23 oder 35 Jahre alt ist. In dem Moment, in dem ich den Vertrag unterschrieben habe, haben sich meine Einstellung und meine Denkweise verändert. Es fühlte sich fast so an, als hätte ich etwas wiedergefunden, das mir vor ein paar Jahren verloren gegangen war. Natürlich freue ich mich sehr darauf, aber ich unterschätze keineswegs, welche Herausforderung die kommende Saison wird. Ich habe in Weiden unterschrieben, um auf dem Eis die beste Version meiner selbst zu werden. Ich hoffe, dass diese Version von mir der Mannschaft helfen und eine wichtige Rolle im Line-up einnehmen kann. Wie die Saison am Ende ausgeht, kann niemand vorhersagen – aber genau das macht Eishockey so besonders.“
Was für ein Spielertyp bist du – und was können die Fans der Blue Devils von dir erwarten?
Tyler: „Ich bin ein offensiver Spieler. Ich mag es, Chancen zu kreieren, und ich schieße gerne Tore. Oft gehe ich Risiken ein, die offensiv helfen können – oder mich im Gegenzug beim Trainer in Schwierigkeiten bringen. Die kommende Saison ist für mich aber etwas anders. Natürlich möchte ich offensiv meinen Beitrag leisten und der Mannschaft beim Toreschießen helfen. Aber ich gehe nicht mit denselben Erwartungen wie früher in die Saison und habe auch keinen konkreten Plan, unbedingt eine bestimmte Anzahl an Toren zu erzielen. Zwischen der DEL2 und der Oberliga gibt es einen Unterschied, und Weiden hat mich nicht verpflichtet, damit ich dort Topscorer werde. Ich bin da, um der Mannschaft überall dort zu helfen, wo ich gebraucht werde. Wir haben ein eher jüngeres Team, und ich möchte auch meine Erfahrung und die Sicht eines Routiniers in die Kabine einbringen.“
Du kehrst nach drei Jahren in die DEL2 zurück. Es gibt Stimmen, die sagen: Tyler Gron ist erfahren, aber nicht mehr auf dem Niveau von früher. Was antwortest du diesen Kritikern?
Tyler: „Ich kann diese Stimmen nachvollziehen. Wenn jemand sagt, dass ich nicht mehr derselbe Spieler bin wie vor einigen Jahren, dann hat er damit recht. Ich verstehe auch, wenn manche fragen, ob diese Verpflichtung für Weiden der richtige Schritt ist. Ich habe lange auf diese Frage geschaut, bevor ich eine Antwort darauf gefunden habe. Der ehrgeizige und sture Teil in mir möchte glauben, dass ich noch genauso Eishockey spielen kann wie vor zehn Jahren. Aber das wäre nicht ehrlich. Es gibt weltweit nur sehr wenige Athleten, die sich mit 36 Jahren noch mit ihrer Version von vor zehn Jahren vergleichen können – und ich gehöre nicht dazu. Es wird schwieriger, der Körper reagiert langsamer. Aber das bedeutet nicht, dass man nicht weiterhin einen positiven Beitrag leisten kann. Ich habe immer noch Feuer in mir, und mir ist das alles nach wie vor wichtig. Natürlich bin ich nicht mehr derselbe Spieler wie früher in meiner Karriere. Aber ich habe in all den Jahren auch sehr viel gelernt. Und ich bin bereit, noch einmal auf mich selbst zu setzen.“
Du hast in deiner Karriere schon viele Tore geschossen. Erinnerst du dich an deine schönsten Treffer?
Tyler: „Gute Frage. Ich erinnere mich definitiv an die Overtime-Tore und an einige der größeren Playoff-Tore. Aber aus irgendeinem Grund erinnere ich mich an fast jedes Penalty-Tor, das ich seit meiner Kindheit erzielt habe. Ich erinnere mich aber genauso an all die Penalty-Versuche, die nicht im Tor gelandet sind.“
Wenn man auf einen erfahrenen Spieler blickt, stellt sich oft die Frage, was ihn weiterhin antreibt. Sind es Titel, Tore, die Mannschaft – oder einfach die Liebe zum Spiel?
Tyler: „Ich wäre lieber Eishockeyspieler als irgendetwas anderes. Ursprünglich war mein Plan, ein oder zwei Jahre in den USA professionell Eishockey zu spielen und zu versuchen, mir meinen Traum von der NHL zu erfüllen. Als sich diese Tür geschlossen hatte, habe ich gemerkt, dass ich nach Europa gehen und dort einen ganz ähnlichen Traum weiterleben kann. Europa – und besonders Deutschland – gibt Spielern wie mir die Möglichkeit, ihre Karriere weit über die Zwanziger hinaus fortzusetzen und dabei Teile der Welt zu sehen, von denen ein kanadischer Junge nie gedacht hätte, sie einmal kennenzulernen.
Ich erinnere mich noch daran, wie ich mir gesagt habe: ‘Spiel einfach bis 30, danach beginnt das echte Leben.’ Nun ja, 30 kam schneller als gedacht – und im September werde ich 37. Die Antwort darauf, was mich motiviert, sind natürlich die Mannschaft und Meisterschaften. Das würde wohl jeder Sportler so sagen. Aber die eigentliche Wahrheit ist: Jedes Jahr stehe ich wieder vor derselben Frage – spiele ich noch einmal Eishockey oder beginne ich den nächsten Abschnitt meines Lebens? Und jedes Mal gewinnt das Eishockey.
Ich war mehrmals kurz davor aufzuhören, und ich bin dankbar, dass ich es nie getan habe. Eishockey ist im Grunde alles, was ich je gekannt habe. Ob das gesund ist oder nicht, kann wahrscheinlich niemand wirklich beantworten. Aber ich habe mein ganzes Leben diesem Sport gewidmet und all die Höhen und Tiefen erlebt, die dazugehören. Ich liebe dieses Spiel. Und solange ich spielen kann, werde ich spielen – auf dem höchsten Niveau, auf dem man mich lässt.
Wichtig ist aber auch: Ich hätte nicht so lange Eishockey spielen können, wenn ein paar Dinge nicht zusammengekommen wären. Zum einen meine deutsche Staatsbürgerschaft, durch die ich als deutscher Spieler auflaufen kann. Zum anderen – und das ist das Wichtigste – meine Familie. Meine Verlobte und ihre Familie in Kassel. Ich bin 2015 allein nach Deutschland gekommen, aber heute habe ich hier eine Familie, die mich unterstützt und mir durch die guten wie auch die schwierigen Seiten des Profieishockeys enorm geholfen hat.
Und natürlich auch meine Familie in Kanada. Es war nicht immer leicht, seit 20 Jahren weit weg von zu Hause zu sein. Umso mehr freue ich mich jeden Sommer darauf, nach Hause zu fahren und meine Mutter, meinen Vater und all die Menschen zu sehen, die mir nahestehen.“
Wenn du einem jungen Spieler einen einzigen Rat geben könntest, der in keinem Lehrbuch steht – welcher wäre das?
Tyler: „Sei deinem Team gegenüber loyal. Mir ist bewusst, dass das nicht auf jeden Spielertyp zutrifft – und schon gar nicht in derselben Form auf das Eishockey in Nordamerika. Und ja, mir ist die Ironie dabei durchaus bewusst. Aber etwas, das ich gerne viel früher in meiner Karriere gelernt hätte, ist genau das: Loyalität gegenüber dem eigenen Team.
Woanders ist es nicht automatisch besser. Natürlich ist es nicht immer so einfach. Manchmal möchte der Club vielleicht gar nicht mit einem weitermachen. Und ich weiß auch, dass die Möglichkeit, im Eishockey loyal zu sein, in gewisser Weise ein Luxus ist. Es ist immer ein Geben und Nehmen zwischen Verein und Spieler.
Als ich nach Deutschland kam, dachte ich, ich könnte einfach von Team zu Team weiterziehen. Wenn ich an einem Ort nicht glücklich bin, gehe ich eben zum nächsten. Rückblickend war das fast immer die falsche Einstellung – und ich habe das auf die harte Tour gelernt. Die deutsche Eishockeywelt ist klein, und man hat nur wenig Zeit, sich einen Namen und eine Identität aufzubauen. Diese Identität bleibt an einem hängen.
Ich wurde immer wieder daran erinnert, wie leidenschaftlich die Fans hier in Deutschland sind – egal ob in der dritten Liga oder in der ersten. Sie nehmen ihr Eishockey sehr ernst. Wenn du irgendwann den Ruf hast, nur ein Spieler auf Durchreise zu sein, dann begleitet dich das. Du wirst austauschbarer.
Ich bin manchmal sogar ein wenig neidisch auf Spieler, die zehn Jahre lang für denselben Club gespielt haben. Das muss ein ganz besonderes Gefühl sein. Egal ob du ein junger deutscher Spieler oder ein junger Importspieler bist: Wenn du planst, in Deutschland Karriere zu machen, ist es wahrscheinlich viel erfüllender und lohnender, eine Stadt wirklich dein Zuhause nennen zu können. Zumindest habe ich mir das sagen lassen.“
Was war der schönste Moment, den du in deiner bisherigen Karriere erlebt hast?
Tyler: „Nicht ein Moment, sondern eine Erinnerung. Nach all den Spielen, die ich in meiner Karriere gemacht habe, denke ich immer wieder an einen Moment zurück, als ich neun Jahre alt war. Mein Vater war von Anfang an ein großer Teil meines Eishockeywegs und hat mich bei jedem Schritt begleitet. 1999 habe ich es in Edmonton ins Team Brick geschafft – ein großes Turnier für Neunjährige aus ganz Nordamerika. Für mich war das der erste Moment, in dem ich gespürt habe, dass Eishockey ein wichtiger Teil meines Lebens werden könnte. Diese Nachricht mit meinem Vater und meiner Familie zu teilen, ist bis heute meine schönste Erinnerung an diesen Sport.“
Was reizt dich mit Blick auf die Zeit nach deiner aktiven Karriere am meisten: eine Tätigkeit als Trainer, die Arbeit mit Nachwuchsspielern, eine Aufgabe im Management – oder vielleicht einfach erst einmal eine Pause von kalten Eishallen?
Tyler: „Die Antwort auf diese Frage kann sich je nach Stimmungslage stark verändern. Manchmal kann ich mir sehr gut vorstellen, noch viele Jahre im Eishockey zu bleiben. Und manchmal möchte ich am liebsten nie wieder einen Eishockeyschläger sehen. Ich liebe diesen Sport, aber ich tue mich oft schwer mit all den Dingen, die dazugehören. Coaching hat mich durchaus interessiert, aber der Trainerjob ist ein sehr schwieriger. Oft ist man der Erste, der sich für die Schwächen und Misserfolge einer Mannschaft verantworten muss – und auch der Erste, auf den alle mit dem Finger zeigen. Was mich dagegen sehr interessiert, ist der Bereich Skills und Training, also die individuelle Entwicklung von Spielern. Das ist etwas, das ich mir für die Zukunft gut vorstellen könnte. Wenn meine Eishockeykarriere vorbei ist, wäre es aber auch schön, die Taschen endlich einmal auszupacken und irgendwo sesshaft zu werden – an einem Ort, den ich wirklich Zuhause nennen kann. 20 Jahre voller Umzüge waren belastend. Und wenn ich eines Tages eine eigene Familie habe, wird diese Herausforderung noch einmal deutlich größer.“
Wie viel Eishockey schaust du als Profi eigentlich privat?
Tyler: „Ich bin in Edmonton aufgewachsen und war schon als Kind großer Oilers-Fan. Das bin ich immer noch. Wegen der Zeitverschiebung ist es aber nicht immer leicht, die Spiele live zu schauen. Meistens schaue ich mir am nächsten Morgen die Highlights an. In den Playoffs mache ich aber Ausnahmen. Dann bleibe ich auch mal wach, um Draisaitl und die Oilers zu sehen.“
Was machst du gerne, um abzuschalten und den Kopf vom Eishockey freizubekommen?
Tyler: „Abseits des Eishockeys bin ich eigentlich ein ganz normaler Mensch. Zeit mit meiner Familie zu verbringen, ist mir sehr wichtig. Außerdem reise ich sehr gerne und möchte noch so viel wie möglich von Europa sehen, solange ich die Gelegenheit dazu habe.
Es gibt für mich noch immer viel zu entdecken – und hoffentlich auch noch viel Eishockey, das ich spielen darf.“
Foto: Andreas Klupp
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